17.12.2018

Ich bin froh! Seid Ihr es auch?

Ansprache für den dritten Adventsssonntag, 15./16. Dezember 2018

Lesejahr C, Zefanja 3,14-17 und Lukas 3,10-18

 

Ich bin froh! Seid Ihr es auch!

Diese Worte der Zuversicht sprach Papst Johannes Paul II. kurz vor seinem Tod im April des Jahres 2005. Er formulierte sie nicht als Frage, sondern als Mut machende Aufforderung, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen.

Liebe Gemeinde,

bei der Vorbereitung auf den dritten Adventssonntag waren wir im Ansprachekreis von beiden Texten des heutigen Tages beeindruckt.

Angesichts der heutigen Lesung, sollte es uns leicht fallen, Johannes Paul II. zu folgen und mit Zuversicht nach vorne zu blicken.

Normalerweise erwarten wir bei Ankündigung einer Prophetenbotschaft Mahnungen, Anklagen und Aufforderungen zur Umkehr.

Zefanja, der Prophet von dem wir heute hörten, hat ein ganz anderes Thema: Er fordert Jerusalem zur Freude auf!

Ungefähr 500 Jahre vor Christi Geburt ist das Volk Israel nach Jahrzehnten der Verbannung und Unterdrückung aus dem fernen Babylonien wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Dort hat es sich mit Eifer daran gemacht, die zerstörte Stadt Jerusalem wieder aufzubauen. Schon bald war ein einfacher Tempel errichtet ein Haus für Jahwe, ihren Gott. Ein Grund zum Jubeln, zum Feiern, zur Freude.

„Juble, Tochter Zion! Jauchze Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!“

Nicht umsonst heißt der 3. Adventsonntag „Gaudete“ – freut Euch!!

Zugegeben: Als Johannes Paul II. seine Mut machenden Worte sprach, schien die Welt der Christen noch halbwegs in Ordnung zu sein.

Und heute?

Gründe zum Jubeln fallen mir zunächst nicht ein. Unsere Kirche durchlebt eine schwerwiegende Krise. Wir Christen haben ein echtes Imageproblem:

Das unvorstellbare Leid der unzähligen Opfer sexueller Gewalt und die oftmals immer noch nur schleppende Aufarbeitung des Missbrauchsskandals sorgen für Fassungslosigkeit und Abkehr von der Kirche.

Der Umgang von einigen hochrangingen Vertretern unserer Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen und gleichgeschlechtlich liebenden Menschen sorgt für tiefe Verletzungen und stößt vielen vor den Kopf.

Kirchenschließungen führen zu Frust, machen mutlos und tragen dazu bei, dass sich auch Christen im Streit von der Kirche abwenden.

Es ist ein trauriges Bild, das Kirche derzeit von sich selbst zeigt.

Von „Gaudete“ keine Spur.

Allzu leicht ist es nun aber, die Verantwortung für das Erscheinungsbild unserer Kirche auf „die da oben“ abzuwälzen. Auf diejenigen, die die innerkirchliche Zerrissenheit bei vielen Fragen lautstark und ohne Anstand in der Öffentlichkeit diskutieren, die teils zornig, teils aggressiv aufeinander losgehen.

Die letzten Wochen und Monate offenbarten auch vor Ort an der Basis ein trostloses Bild.

Ja, unsere Kirche hat sich verändert und wird sich weiter verändern müssen, um Bestand zu haben. Das, liebe Gemeinde, ist aber in unserer Geschichte nichts Neues.

Mit der aktuellen Veränderung gehen ohne Frage schmerzhafte Prozesse einher. Diese rechtfertigen jedoch nicht, dass Christen in der Auseinandersetzung ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Anstand aufeinander losgehen. Schlecht recherchierte und eilig zusammengeschusterte Zeitungsartikel gießen zusätzliches Öl ins Feuer; sehr zur Freude einer breiten Öffentlichkeit, die sich an dem Spektakel weidet und dabei zuschaut, wie wir uns als Kirche selbst abschaffen.

Wir schaffen uns aber nicht dadurch ab, indem wir uns von Gebäuden trennen. Wir schaffen uns ab, indem wir als Christen ein diffuses, ein zerstrittenes, ein abstoßendes Bild nach außen abgeben. Unser Markenkern ist uns in weiten Teilen verloren gegangen.

Gaudete? Fehlanzeige!

Wissen wir eigentlich selbst noch, wofür wir stehen möchten?

Was wollen wir als Christen sein?

Wie möchten wir unser Christsein heute und in Zukunft leben?

Was sind die christlichen Werte, die uns ausmachen?

Wie wollen wir als Christen gerade im Streit miteinander umgehen?

Wer kein Bild von sich selbst hat, kann auch kein Fremdbild verändern.

Die aktuellen Veränderungen ermöglichen uns, in der Auseinandersetzung ein gutes Bild abzugeben, uns selbst einzubringen, Ideen zu entwickeln, mitzugestalten und zu dieser veränderten Kirche beizutragen! So wie das Volk Israel können auch wir im übertragenen Sinne einen neuen Tempel aufbauen.

Aber mal ehrlich:

Wie soll auf der verbrannten Erde, die unser Umgang miteinander in der letzten Zeit hinterlassen hat, jemals wieder fruchtbares entstehen?

Von Marketingstrategen stammt der Satz „Wer nicht wirbt, stirbt!“

Er trifft auch auf uns Christen zu.

Es ist an der Zeit endlich wieder Gaudete in den Vordergrund zu stellen und damit zu werben, was die heutige Lesung offenbart, wofür es sich lohnt, Christ zu sein:

Der Herr, unser Gott, ist in unserer Mitte, ein Held, der Rettung bringt!

Davon sollten wir erzählen!

Damit müssen wir wieder in die Öffentlichkeit gehen!

Dabei ist auch die Auseinandersetzung, der Streit darüber, wie es mit uns weitergehen soll, wichtiger denn je. Es kommt aber darauf an, wie diese Auseinandersetzung geführt wird.

Das heutige Evangelium sagt uns, wie das geht.

Die Menschen fragen Johannes den Täufer, wie sie sich in strittigen Situationen verhalten sollen. Auf den Punkt gebracht bedeuten die Antworten des Johannes vor allem eines:

Verhaltet Euch anständig!

Diesen Anstand gilt es jetzt im Miteinander zurückzugewinnen! Und das auf allen Ebenen!

Mir machen beide Bibeltexte des heutigen Tages Mut. Lasst uns wieder über Gaudete reden.

Lasst uns als Christen in der Auseinandersetzung anständig miteinander umgehen.

Aufeinander zugehen! Nicht aufeinander losgehen! Das ist mein Bild vom Christsein. Eine bessere Werbung gibt es nicht!

Gaudete!

Ich bin froh! Seid Ihr es auch?

 

Rainer Teuber