27.04.2019

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau!??

Ansprache für die Osternacht / Ostersonntag 2019

Lesejahr C, Lukas 24, 1-12

 

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau!

Ehrlich gesagt, liebe Gemeinde,

diesen Spruch habe ich inzwischen eigentlich zu oft gehört!

Angesichts des heutigen Evangeliums gehören Frauen längst in die erste Reihe neben oder gar vor die Männer. Schließlich sind es Frauen, die zuerst eine Auferstehungserfahrung machen, die Ostern – das Geheimnis unseres Glaubens – als erste erleben.

Mutige Frauen machen sich auf den Weg zum Grab Jesu: Maria Magdalena, Johanna, Maria, die Mutter des Jakobus und die übrigen. Es sind also nicht wenige, nicht irgendwelche, sie sind namentlich genannt. Natürlich erschrecken sie zunächst angesichts des leeren Grabes und schauen zu Boden – wo sonst würde man einen Begrabenen suchen? Die Frauen werden sodann daran erinnert, den Lebenden nicht bei den Toten zu suchen. Die zu Boden sehenden Frauen sollen sich an das erinnern, was Jesus ihnen gesagt hat.

„Kopf hoch“!  

Diese Aufmunterung gelingt, indem sie sich bewusst machen,  was getan und zugesagt wurde. Es kommt also darauf an, eine Begegnung, eine Erfahrung, ein Versprechen zu verinnerlichen. Ohne eine bewusste Rückbesinnung ist kein mutiger Schritt nach vorn möglich. Da wird Mut schnell auch zu Leichtsinn! Erinnerung und Mut sind gefordert – damals wie heute.

Schauen wir nochmals zurück auf das Geschehen:

Es sind Frauen, die bei den Ereignissen vor und nach Ostern zugegen sind.

Frauen stehen unter dem Kreuz!

Frauen machen sich auf den Weg zum Grab!

 Frauen werden als erste Zeuginnen des Ostergeschehens!

Frauen erzählen dieses den Aposteln!

Und die Männer? Sie glaubten ihnen nicht, hielten die Worte für Geschwätz. Selbst Petrus – später der erste Papst – ging verwundert und entmutigt vom leeren Grab nach Hause.

Doch die Frauen konnten mit ihren Worten auch beeindrucken. Die Emmaus-Jünger sprechen später noch von ihnen.

Angesichts so vieler mutiger Frauen im Lukas-Evangelium frage ich mich, was ist da gesellschaftlich und kirchlich schief gelaufen?

Unsere Sprache und Kultur, unsere gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen sind über Jahrhunderte geprägt von patriarchaler Vorherrschaft. Männer sagen an, wo es langzugehen hat. Das ist wahrlich keine Nebensächlichkeit, wie oft von denjenigen behauptet, die alles beim Alten lassen wollen. Gerade Sprache und Kultur bestimmen den Alltag – auch das theologische Denken. Da steht aktuell vieles, wenn nicht gar alles auf dem Prüfstand.

Und wieder brechen Frauen mutig auf:

Hunderte Frauen demonstrierten bei der Frühjahrsversammlung der Deutschen Bischofskonferenz für eine Erneuerung der katholischen Kirche. Unter Federführung der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands zogen sie zum Eröffnungsgottesdienst.

Ein starkes Bild: Draußen mutige Frauen, drinnen – eher verzagt – die Männer. Lediglich zwei Bischöfe stellten sich den Demonstrantinnen,  um 30.000 Unterschriften und den damit verbundenen Ruf nach einer Erneuerung der Kirche entgegenzunehmen. Unter dem Motto "Macht Licht an" formulierten die Frauen ihre Forderungen:

Licht in das Dunkel der Missbrauchsfälle zu bringen,

verkrustete Machtstrukturen abzuschaffen,

unabhängige Missbrauchsbeauftragte einzusetzen,

die kirchliche Sexualmoral zu verändern,

die Sprachlosigkeit überwinden und

alle Weihe-Ämter für Frauen zu öffnen.

Macht Licht an! Wir haben das soeben mit dem Entzünden der Osterkerze getan. Das Auferstehungsfenster erstrahlt in hellem Licht. Wir versammeln uns gleich am Osterfeuer! Hoffentlich bleibt dieses Osterlicht kein Strohfeuer.

Das von Frauen entfachte Licht offenbart sich aktuell in unterschiedlichen Initiativen. Bei "Overcoming Silence" setzen sich weltweit katholische Frauen für mehr Rechte ein. In Deutschland engagieren sich zahlreiche Frauen unter dem Label „ Maria 2.0“  und haben für Mitte Mai weiteren Protestakt angekündigt. Bemerkenswert daran ist: Es handelt sich nicht um Bewegungen am Rande, sondern aus der Mitte der Kirche, nämlich von treuen, stark engagierten Kirchgängerinnen und Ordensfrauen.

Hintergründe für das Aufflammen des Widerstands gegen eine von Frauen maßgeblich getragene, letztlich aber von Männern geleitete Kirche sind vielfältig:

das Führungsversagen angesichts von Finanzskandalen,

der Missbrauch und dessen Vertuschen

und nicht zuletzt auch die sexualisierte Gewalt gegen Ordensfrauen.

Die katholische Kirche brennt!

Liebe Gemeinde, gestatten Sie mir einen Gedanken zu den erschütternden Bildern vom verheerenden Brand der Kathedrale Notre Dame. Wenn wir ein Gotteshaus brennen sehen, spüren wir, da steht mehr in Flammen als nur Material. Zerstörerische Flammen haben sich in der Vergangenheit auch  innerhalb unserer Kirche weit ausgebreitet. Aus Paris hören wir inzwischen, dass die Grundsubstanz des Gebäudes Bestand hat. Es gibt Zusagen, Notre Dame wieder aufzubauen. Auch hier: Erinnerung und Mut!

Die katholische Kirche brennt –  und ich bin fest davon überzeugt, dass auch hier die Grundsubstanz Bestand hat. Wie in Notre Dame wird das Verbrannte und Verkohlte herauszuschaffen sein. Anders als in Paris brauchen wir aber keine Kopie, keinen Neubau des Alten. In der Kirche von morgen werden Frauen hoffentlich nicht mehr nur Säulenheilige sein, sondern tragende Säulen. In ihren stützenden Funktionen gleichberechtigt mit den Männern! So bekommen die Bilder aus Paris jenseits ihrer realen Tragik eine ungeheure symbolische Wucht – passend zur Karwoche und zu Ostern, zur Tragödie und zur Auferstehung.

Unser Bischof Franz Josef Overbeck sagte kürzlich in einem bemerkenswerten Interview zur aktuellen Situation der katholischen Kirche: „Der Worte sind genug gewechselt“.

Jetzt ist also die Stunde,

jetzt wird getan oder vertan,

jetzt wird gesagt oder versagt,

jetzt wird gewirkt oder verwirkt,

jetzt wird getröstet oder vertröstet,

jetzt wird getagt oder vertagt,

jetzt entscheidet sich, worauf es zukünftig ankommt.

 

Die jetzt von mutigen Frauen frei gesetzten Kräfte sind mir eine Auferstehungserfahrung. Wer hätte eine solche Bewegung bis vor kurzem überhaupt für möglich gehalten? Eigentlich Unglaublich! Unfassbar!

Manchmal feiern wir eben bereits mitten am Tag ein Fest der Auferstehung!

Also, Mutlosigkeit und Resignation sind out!

Die Mutigen – Frauen und Männer – müssen jetzt dranbleiben, dürfen nicht lockerlassen, als Teil der Kirche zu ihrer Erneuerung von innen heraus beizutragen. Machen wir es wie die Frauen am leeren Grab:

 Lassen wir uns von deren Mut anstecken,

 öffnen wir uns auch für kleine Auferstehungserfahrungen,

machen wir Licht an und sorgen dafür, dass es weiter brennt!

So  wünsche ich uns allen den nötigen Mut beim Blick nach vorn und die Kraft der Erinnerung an das, was Jesus uns zugesagt hat.

Ich wünsche uns frohe und gesegnete Ostern!

 

 

Rainer Teuber