29.07.2020

In Essener Gemeinden geht's nicht ohne Laien

Die WAZ zu Besuch in der Pfarrei St. Josef. Grund: Die jüngsten "Instruktion" aus dem Vatikan.

Es ist Sonntagvormittag in Essen-Frintrop. Die Glocken läuten und gut 50 Katholiken treffen sich in der Kirche St. Josef zum Gottesdienst. So weit, so normal. Allerdings ist es kein Pfarrer, der im Altarraum steht und das Wort Gottes verkündet oder Bibelstellen zitiert. Das machen hier regelmäßig sogenannten Leiter der Wort-Gottes-Feier – engagierte und ungeweihte Ehrenamtliche, die vom Bistum entsprechend geschult worden sind.

Heute übernehmen diesen Dienst Karolin Symolka und Anja Oyen. Wie in vielen anderen katholischen Kirche geht es in St. Josef an diesem Morgen um das Thema Wünsche. Zwei Frauen, die einen Gottesdienst in einer katholischen Kirche leiten? „Das ist alles völlig mit dem Kirchenrecht vereinbar“, betont Herbert Fendrich, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands, ranghöchster Laie der Pfarrgemeinde.

Vatikan-Instruktionen entfachen Diskussion um Rolle der Laien

Wenn kein Priester da ist, dürfen Laien einen Gottesdienst halten – das steht sogar in dem jüngst veröffentlichen und umstrittenen Vatikanpapier mit dem sperrigen Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“. Das Schreiben hatte in der vergangenen Woche eine Diskussion um die Einbindung von Ehrenamtlichen und Laien in die Gemeindearbeit entfacht. Unter anderem wird darin explizit erwähnt, dass Laien nicht bei Eucharistiefeiern predigen sollen und dass Begriffe wie „Leitungsteam“ oder ähnliche vermieden werden sollen, die den Eindruck erwecken, eine Pfarrei werde kollegial von Priestern und Laien geleitet.

„An der Basis versteht keiner mehr diese Texte“, kritisiert Arnd Brechmann, Vorsitzender des Fördervereins und der Stiftung St. Josef. Denn zwischen der Anweisung des Heilige Stuhls und der gelebten Realität in Gemeinden und Pfarreien liegen Welten – besonders im Ruhrbistum. „Was in Rom nicht gewollt ist, ist im Bistum Essen ein Zukunftsprojekt“, erläutert Brechmann. Auch „sein“ Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hatte die Position des Vatikan kritisiert.

In St. Josef hat Beteiligung von Laien eine lange Tradition

Schon seit 26 Jahren predigen Laien im Rahmen der Eucharistiefeier. Anfangs aus der Not heraus und inoffziell, mittlerweile ist es nicht nur vom Bistum abgesegnet, sondern eine Selbstverständlichkeit geworden. Genauso, dass Gemeindereferentin Sabine Lethen die Gemeindeleitung von St. Paulus innehat und spaßeshalber schon mal „Frau Pastor“ genannt wird.

Jugendverbände sprechen von „herber Enttäuschung“

Als „eine herbe Enttäuschung“ bezeichnet Christian Toussaint, Vorsitzender des BDKJ-Diözesanverbandes (Bund der Deutschen Katholischen Jugend), das Vatikan-Papier. Am Wochenende habe die B undesversammlung getagt und das Dokument scharf kritisiert. Wenn jetzt wieder die Hierarchie in der Kirche betont werde, würden die vielen Engagierten demotiviert, heißt es in dem Text. Das Schreiben aus Rom lasse für vielen Menschen die Kirche noch unglaubwürdiger erscheinen. Was gebraucht werde seien Mitwirkungsmöglichkeiten und vor allem sei es erforderlich, die Gläubigen ernst zu nehmen.

Nach Ansicht von Christoph Lammerding, Vorsitzender des Essener Kolpingverbandes, ist es dringend an der Zeit, den den Dialog zwischen Rom und der Kirche in Deutschland zu verbessern. Das Papier bestehe an vielen Stellen aus Wunschdenken und bilde keineswegs die Realität ab.

Unter den deutschen Bischöfen hat das Schreiben aus Rom ein unterschiedliches Echo ausgelöst. Während die Oberhirten aus Essen, Bamberg oder Osnabrück deutliche Kritik übten, fand es auch Zustimmung, beispielsweise durch den Kölner Kardinal Wölki. Er versteht das Schreiben als eine Ermutigung für die Kirche.

Selbstverständlich für die Gläubigen ist mittlerweile auch, dass sich in den vier Kirchen der drei Gemeinden, die zur Pfarrei gehören, die Messen und die von Laien gehaltenen Wort-Gottes-Feiern abwechseln. Schon rechnerisch geht es kaum anders, denn die Pfarrei hat nur zwei Priesterstellen.

„Er ist kein Regent, aber er hat schon den Hut auf“

Die Wort-Gottes-Feiern gibt es regelmäßig, nicht nur im Notfall. Wobei letzterer natürlich auch einmal eintreten kann. So wie Heiligabend 2018. Damals fiel der Pfarrer aus und Anja Oyen musste spontan den Gottesdienst halten – sie konnte sogar die Kommunion austeilen: Es gab in der Kirche bereits genügend gewandelte Hostien; ein Akt, den nach katholischem Verständnis nur ein Priester vollziehen kann.

Doch gilt in St. Josef: „Beteiligung gab es hier schon, bevor Partizipation erfunden wurde“, sagt Sabine Lethen. Mittlerweile gehe es in den Gemeinden gar nicht mehr ohne Laien. Der zuständige Pfarrer habe ebenfalls ein modernes Leitungsverständnis, das Sabine Lethen so beschreibt: „Er ist kein Regent, aber er hat schon den Hut auf.“

Strukturelle Veränderungen bereits in vielen Gemeinden

Es ist gewissermaßen eine kleine Revolution, die da seit Jahren in deutschen Kirchen stattfindet. St. Josef ist kein Einzelfall, sondern steht exemplarisch für die strukturelle Veränderung, die sich so oder ähnlich auch in anderen Pfarreien abspielt. Auch eine große Zahl deutscher Bischöfe hat sich bereits kritisch über die jüngste Vatikan-Instruktion geäußert und die Wichtigkeit der Laien betont.

Mit einer Abkehr der deutschen Katholiken von Rom ist aber nicht zu rechnen. Denn trotz der Differenzen fühlen sich die Gläubigen weiterhin zu Rom zugehörig: „Wir lassen uns da nicht rausdividieren, nur weil wir nach vorne denken“, betont Herbert Fendrich und Sabine Lethen ergänzt: „Katholisch bedeutet ‘allumfassend’. Da ist viel Platz drin, wir müssen uns nur über die Grundzüge einig sein.“

 

Im Original ist der Artikel auf waz.de nachzulesen:

https://www.waz.de/region/niederrhein/in-essener-gemeinden-geht-s-nicht-ohne-laien-id229596628.html

<- Zurück zu: St. Josef Essen - St. Antonius Abbas - St. Franziskus - St. Paulus